Projekt Bürgerliste

Kandidaten der FDP (v.r.n.l.): Katharina Jungmann, Dr. Volker Wingefeld, Andreas Köbel, Katja Lauterbach (hinten), Nicole Neunemann-Güth, Jürgen Schäfer, Andreas Villnow. Vorne lnks Kreisvorsitzender Daniel Protzmann, hinten links Bürgermeisterin Sylvia Braun. (Bild: FDP Bruchköbel)

Zahlreiche freie Kandidaten vergrößern die Liste der FDP zur Kommunalwahl im Frühjahr. 

(Bruchköbel/jgd) – Die Kommunalwahl am 14. März 2021 wirft ihre Schatten voraus. Zu diesem Termin sind Bruchköbels Wählerinnen und Wähler aufgerufen, über die neue Zusammensetzung ihres Stadtparlaments zu entscheiden. Alle heutigen Parteien im Parlament werden wieder antreten. CDU, SPD , Grüne haben zuletzt bereits ihre Listen vorgestellt. Auch die kleinste Partei, die FDP, ist in der letzten Woche mit ihrer Kandidatenaufstellung herausgekommen. Die FDP ist die bislang kleinste Partei im Parlament, und, das ist die Besonderheit: die kleinste Partei ist zugleich die Partei der Bürgermeisterin Sylvia Braun, die erst im März ihr Amt angetreten hatte.

Für die FDP gibt es also insoweit einen starken Ansporn, ihre bei der 2016er Wahl gewonnenen drei Sitze im nächsten Jahr auszubauen. Inzwischen verfügt die FDP zwar über vier Sitze, verdankt aber einen davon einem früheren Mitglied der SPD. Die Stadtverordnete Nicole Neunemann-Güth war zwischenzeitlich in die Fraktion der Liberalen gewechselt. Dennoch sind vier Sitze für die Partei der Bürgermeisterin in der 37 Köpfe umfassenden Versammlung nicht befriedigend. Diese Zahl, so sieht man es in der FDP, muss im März ausgebaut werden. Die Partei einer amtierenden Bürgermeisterin muss sich mehr parlamentarisches Gewicht erarbeiten und damit ihren Einfluss verstärken.

Es gibt einige Indizien dafür, dass das gelingen könnte. Zum Einen liegt es auf der Hand, dass Sylvia Braun, die im letzten Herbst bei der Bürgermeisterwahl sagenhafte 70% der Stimmen auf sich ziehen konnte, im kommenden Wahlgang als Sympathieträgerin wahrgenommen werden wird. Ihren Start ins Amt hat sie uneitel begonnen und inzwischen erste Meilensteine gesetzt. Ein Stichwort ist etwa die Wiederbelebung des alten Rathauses, ein weiteres die Jugendarbeit, die sichtlich in Schwung kommt. Zum anderen verfolgen die Vordenkerinnen und Vordenker der Bürgermeisterpartei jetzt eine besondere Strategie. Diese birgt durchaus überraschende Elemente. Man hat nämlich die Kandidatenliste rigoros für externe Kandidaten, für Nichtmitglieder der Partei geöffnet. Und dies nicht bloß für vereinzelte Sympathisanten, wie auch schon häufig bei anderen Parteien zu sehen. Sondern es geschah im großen Stil.

Erste Gesprächsrunden
Bereits im Januar, als der Wahlsieg Brauns noch in frischen Tüchern lag, sollen die Parteivorsitzende Sylvia Braun und die FDP-Fraktionsvorsitzende Katja Lauterbach darüber räsoniert haben, die Kandidatenliste zur nächsten Wahl zu öffnen. Man hatte zum damaligen Zeitpunkt bereits damit begonnen, Personen außerhalb der FDP anzusprechen. Es kam zu mehreren, inzwischen regelmäßig stattfindenden Treffen mit Interessierten. Dabei soll sich gezeigt haben, dass es einige Personen gibt, die ernsthaft auf der FDP-Liste kandidieren wollen, ohne zugleich in die Partei eintreten zu müssen. Die FDP hatte den Wählern früher immer um die 10 Kandidaten auf ihren Listen präsentiert. Heute stehen 26 Kandidaten darauf, von denen 12 Personen keine Parteimitglieder sind.

Neue Gesichter für die Politik?
Darunter sind einige Kandidaten, die in den letzten Jahren zu Bruchköbeler Themen öfter in den sozialen Medien die Stimme erhoben. Zum Beispiel Werner Jüngling, der immer noch populäre frühere Vorsitzende der SGB-Handballer. Er hat sich seit 2012 mit seiner hartnäckigen Kritik an den Umbauplänen der Innenstadt einen Namen gemacht. Er hatte es damit sogar bis zu einer Doppelseite im „Hanauer Anzeiger“ gebracht, wo er die damals städtischen Verantwortlichen einem rustikalen, öffentlichen Briefing unterzog. Oder Andreas Köbel, ebenfalls ein in den sozialen Medien stets präsenter Kritiker der Bruchköbeler Politik, früherer Elternbeirat, in der hiesigen Sportszene kein Unbekannter. Als Politiker mit Parlamentssitz würden sich beide nunmehr auf dem Feld der realen politischen Verantwortung wiederfinden – von der Theorie zur Praxis. Und fünf der Kandidaten sind relativ jung, im Alter zwischen 19 und 21 Jahren, wie die Fraktionssprecherin Katja Lauterbach stolz hervorhebt.

Die in früheren Jahren immer recht kurze Liste der FDP wurde also zu einer Art „Bürgerliste“ ausgebaut. Die FDP will nun, wie es aus der Partei heisst, im kommenden Wahlkampf besonderen Wert auf diesen Charakter ihrer Liste legen, und den Parteinamen nicht allzu sehr ins Zentrum rücken. Man darf gespannt sein, wie sich dies ausgestalten wird. Und, noch wichtiger, wie es beim Wahlvolk ankommt. Und eine weitere Besonderheit gibt es, die auch politischen Beobachtern erst auf den zweiten Blick auffällt: Bürgermeisterin Sylvia Braun selbst ist nicht auf der Liste. Auf die frühere Praxis anderer Parteien, den Amtsträger auf Platz 1 zu setzen, weil dieser mit seiner Popularität extra Stimmen für die Partei einfängt, wollte Braun bewusst verzichten. Sie könnte den gewonnen Parlamentsplatz nämlich auch gar nicht antreten – dafür müsste sie ihr Amt aufgeben.

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