Kunstrasen und Mikroplastik: Zweifel an EU-Alarm

Niederissigheimer Projekt nicht gefährdet

Foto: Hyna

(Bruchköbel/jgd) - Um den Sportbetrieb in Niederissigheim auch künftig sicherstellen zu können, plant die Stadt Bruchköbel den Bau eines Kunstrasenplatzes für das Jahr 2020.

Am Standort Niederissigheim haben sich drei Vereine bereit erklärt, die neue Anlage gemeinsam zu nutzen. Die Spielvereinigung 1922 Roßdorf, der TSV Niederissigheim und Eintracht Oberissigheim seien bereit, dort zu trainieren, so teilte es die Stadtverwaltung kürzlich mit. Durch die große Anzahl von Jugend- und Aktivmannschaften sei es notwendig geworden, einen dauerhaft belastbaren Platz zu schaffen. Nach Abwägung aller Vor- und Nachteile zwischen Hybrid- und Kunststoffrasen habe sich das System Kunstrasen als belastbares und zuverlässiges Konzept herausgestellt. Ein Hybridrasen wäre ein Rasen, der teils aus Kunststoff, teils aber auch mit echtem Rasen versetzt wäre. Ein Kunstrasen wird komplett aus Plastikflor und Dämpfmaterial hergestellt.

Zuletzt aber war in verschiedenen Medien berichtet geworden, dass die EU die Kunstrasenplätze wegen der Umweltbelastung durch Mikroplastik-Partikel gänzlich verbieten wolle, oder zumindest die Neuanlage solcher Plätze nicht mehr zulassen werde. Speziell die Füllung mit dem Gummigranulat, das die Dämpfungseigenschaft liefert, sei für einen erheblichen Mikroplastikeintrag in die Umwelt verantwortlich. Diese Diskussion sei in der Bruchköbeler Stadtverwaltung durchaus bekannt, so betonte man hier bereits im Juni. Als Ersatzstoffe seien etwa Sand, oder Kork als natürlich nachwachsender Rohstoff denkbar. Nachdem man die Alternativen zur üblichen Befüllung mit Gummigranulat geprüft hat, sei jetzt die Entscheidung für den Kork als Verfüllmaterial gefallen - so teilte es Bürgermeister Maibach in der jüngsten Sitzung der Stadtverordneten mit. Dem Bau des neuen Trainingsplatzes scheint insoweit nichts mehr im Weg zu stehen. In 2020 dürfte er seiner Bestimmung übergeben werden.

EU machte inzwischen Rückzieher
Interessant ist dabei, wie sich die Diskussion um das Mikroplastik weiter entwickelt hat. Diese hatte Vereine und Gemeinden stark verunsichert. Die Zeitschrift „Kommunal“, ein in Behörden und bei kommunalen Entscheidern bekanntes Fachblatt, recherchierte dazu inzwischen weiter. Die EU, so heisst es, sei inzwischen wieder zurückgerudert, was ein komplettes Verbotszenario angehe. Man „prüfe“ lediglich, wie die Belastung der Umwelt durch das Mikroplastik der Kunstrasenplätze verringert werden könne.
 

Falsche Studie als Grundlage?
Bedenklich: Das zunächst strenge Vorgehen der EU beruhte wohl auf falschen Ergebnissen einer wissenschaftlichen Studie. Das jedenfalls behauptet das Magazin „Kommunal“. Maßgebend für die EU war offenbar die Aussage eines Fraunhofer Instituts, wonach in jedem Jahr 11.000 Tonnen Granulat von Kunstrasenplätzen verschwinden und in die Umwelt gelangen sollen – in das Erdreich, in die Kanalisation, ins Grundwasser. Tatsächlich aber ist die Menge von freigesetztem Mikroplastik aus Kunstrasenplätzen nicht bekannt. Die Zahlen des Fraunhofer Instituts seien insbesondere vom Deutschen Institut für Normung DIN und der Gütegemeinschaft RAL kritisiert worden. Diese gingen von lediglich zehn Prozent der vom Fraunhofer Institut in die Welt gesetzten Menge aus. Inzwischen habe auch das Institut selbst den Rückzug angetreten. Es betone nun, dass man bei den Berechnungen von einem „Worst-Case-Szenario“ ausgegangen sei, also vom ungünstigsten Fall. Man habe „für das Thema sensibilisieren wollen“. Nun wurden neue Zahlen in Aussicht gestellt.

Vermutlich wird eine spätere EU-Richtlinie die Kunstrasenplätze nicht rigoros verbieten, wohl aber Vorschriften zu erlaubten Granulaten liefern, und Rückhaltesysteme wie etwa Rinnen am Platzrand vorschreiben. Diese Regulierung erfolgt in der EU im Rahmen eines größeren Regelwerkes namens „REACH“ für die Begrenzung von schädlichen Stoffen. Bis aber eine neue Richtlinie heraus ist, dürfte noch wenigstens ein Jahr vergehen. Wie auch immer: Mit der Entscheidung für Korkgranulat dürfte das Projekt in Niederissigheim nicht mehr gefährdet sein.

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