Kein Mut und mangelnde Transparenz

Hintergrund: Wie das Alte Rathaus in den jahrelangen Dornröschenschlaf entschlummert war

(Bruchköbel/jgd) – Warum konnte dem Alten Rathaus erst nach fast 1½ Jahrzehnten Dornröschenschlaf wieder eine Perspektive gegeben werden? Der Blick zurück macht nachdenklich. In den späten 2000er Jahren wegen Sicherheitsmängeln geschlossen, blieb die Renovierung aus. In der Folge konnte das Gebäude nicht mehr neu verpachtet werden. Als Notlösung siedelte man den Geschichtsvereins im Obergeschoss an. Um 2015 herum hatte sich endlich ein Restaurantbetrieb wieder ernsthaft für die Übernahme interessiert. Es wurde nichts daraus. Die Gründe lagen im Zögern der Stadt, die Renovierung in Gang zu bringen. Zudem war die Stadtverwaltung damals wegen hoher Schuldenstände politisch unter Druck. Und die Planungen des Innenstadtprojektes nahmen Fahrt auf. Das Alte Rathaus rückte aus dem Fokus.

Zögerlichkeit und Bedenken
Im Januar 2018 veranstaltete die Stadtverwaltung einen denkwürdigen Workshop. Ein internes Protokoll von damals lässt ahnen, wie Interessen gegeneinander standen und Entscheidungswege blockiert waren. Das städtische Jugendreferat etwa wollte aus dem Haus ein Begegnungszentrum für die Jugend zu machen. Dieser Ansatz wurde bei dem Treffen, an dem städtische Funktionsträger und Stadtmarketing teilnahmen, mit einer Fülle von Bedenken befrachtet. Mit dem Ergebnis, dass am Ende jede denkbare Möglichkeit der Nutzung wieder in Frage stand. So trug damals ein Architekt vor, dass es wegen des Denkmalschutzes nicht möglich sei, einen Aufzug am Gebäude anzubringen. Ohne Aufzug aber könne weder Barrierefreiheit noch Brandschutz garantiert werden. Weitere Bedenken kamen aus dem Bereich Stadtmarketing. Ein extra befragter „Gastronomieberater“ habe geurteilt, dass die Kosten für Umbauten „sehr hoch“ zu erwarten seien. Dazu wurde ein Exposé mit detaillierter Darstellung der offenbar astronomischen Kosten herumgereicht. Ein Pacht-Interessent -gemeint ist wohl der jetzt gewonnene Gastronom Holle- habe zuvor bereits die Übernahme der Umbauarbeiten durch die Stadt gewünscht. Weitere Bedenken trug dann laut Protokoll noch der frühere Bürgermeister Klaus-Dieter Ermold (CDU) vor. Er pochte auf den Nutzungsvertrag seines Geschichtsvereins mit der Stadt: Der Auszug aus dem Obergeschoss sei demnach erst möglich, wenn dafür Räume im Spielhaus umgebaut und zur Verfügung gestellt werden.

Im Hinterzimmer
So stand also das verwaiste Gebäude über Jahre hinweg in einem Geflecht von Interessen und Bedenken zur Disposition. Man beriet hinter verschlossener Türe in Workshops und Sitzungen ohne Entscheidungsbefugnis. Letztlich blieb auch der Politik im Parlament durch die nichtöffentliche Hinterzimmer-Praxis das Thema vom Hals. Der richtige Ort, Entscheidungen herbeizuführen, wäre der öffentlich tagende städtische Bauausschuss gewesen. Eine jahrelange Praxis der Behäbigkeit unter wechselnden (CDU-) Bürgermeistern, zeitweise auch unter einem grünen Stadtrat mit Zuständigkeit Bauen, hatte in die verfahrene Situation geführt. 2019 kam dann noch einmal die Idee auf, das Haus nunmehr in eine Vereinsstätte zu verwandeln. Vereinsvertreter, die man durch die Räume führte, sollen allerdings eher skeptisch reagiert haben – ein letzter Schuss in den Ofen auch dies. Erst die durch die Vergangenheit unbelastete neue Bürgermeisterin Sylvia Braun sollte sich schließlich das Herz fassen, den vor fünf Jahren verloren geglaubten Gastronomen noch einmal anzusprechen. Sie hatte dabei wohl auch das Gefühl für den richtigen Zeitpunkt. Nun ist eine neue Gesprächsbasis um das Gebäude hergestellt, welche auf einen guten Abschluss der Causa Altes Rathaus hoffen lässt.

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