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Voraussetzungen und Herausforderungen

(Bruchköbel/jgd) – In der umfangreichen Liste der Parteianträge zum Bruchköbeler Haushaltsjahr 2019 findet sich ein Antrag von Bündnis90/Grüne zur Erweiterung des Gewerbegebietes „Im Lohfeld“. Die Grünen wollen, dass der Magistrat „intensiv an einer Ausweitung der Gewerbeflächen südlich des Lohfeldes bis ca. zum Krebsbach arbeiten“ soll, wie es in dem Antrag heisst. Das heutige „Lohfeld“ ist das Gewerbegebiet zwischen Tegut, Lidl und Dreispitzhalle. Der Antrag der Grünen zielt also auf das sich hieran südlich anschließende, nochmal so große Feld, das vielen Bruchköbelern dort als Mais- und Erdbeerfeld bekannt ist.

Die Erschließung dieses Gebietes war schon früher ein Thema. Vor Jahren wurde sogar die Möglichkeit erwogen, das Gewerbegebiet bis hinunter an den Bruchköbeler Wald zu erweitern. Allerdings gab es Bedenken, ob dies vom Regionalverband Frankfurt/Rhein-Main überhaupt genehmigt würde. Auch war die Besiedelung des „Lohfeldes“ zunächst schleppend verlaufen. Denn nach der 2009er Finanzkrise saß das Geld bei vielen Firmen nicht locker. Erst als vor drei Jahren die Anwerbung eines großen Auto-Zulieferes gelungen war, hellten sich die Mienen auf. Auch in den Verkauf von Grundstücken auf dem Gewerbegebiet Fliegerhorst war nun Schwung gekommen.

Sprudelnde Gewerbesteuer
Der Erfolg scheint sich jetzt einzustellen: Die Stadtkasse freut sich über steigende Einnahmen bei der Gewerbesteuer – die gute Konjunktur, aber eben auch die vielen neuen Gewerbeansiedlungen tragen dazu bei. Dümpelten die Einnahmen vor wenigen Jahren noch bei 3 Millionen € im Jahr (bisweilen auch darunter), so gehen die Voraussagen jetzt in Richtung der 5-Millionen-Grenze. Bei den hohen Lasten, die sich Politik und Verwaltung mit ihrem Projekt „Neue Mitte“ für die nächsten Jahre aufgebürdet haben, ist dieser warme Regen sicher hilfreich.

Eine Erweiterung des Gewerbegebietes „Lohfeld“, mit der Ansiedlung weiterer Firmen, wäre also „das nächste große Ding“. Es würde der Stadtkasse auf lange Sicht gut tun. Zunächst wäre aber noch finanzielle Durststrecke zu überwinden: man müsste Investitionen in Grundstücksankäufe und in den Straßenbau, bis hin zu einem eventuellen weiteren Anschluß an die B45 einkalkulieren.

Planungsverband: Hohe Hürden
Zugleich ist nicht sicher, wie sich der Regionalverband Frankfurt/Rhein-Main zu dem Projekt stellen würde.  Dieser Verband ist ein Zusammenschluß von 75 Kommunen im ganzen Rhein-Main-Gebiet, darunter Bruchköbel. Er verwaltet den gemeinsamen Flächennutzungsplan, regelt dabei die unterschiedlichen Interessen der Gemeinden. Zum Beispiel sollte die Einrichtung eines neuen Gewerbegebietes nicht zu Lasten benachbarter Kommunen gehen, etwa weil von dort Kunden abgezogen werden. Von großer Bedeutung sind dabei die mehrmals im Jahr stattfindenden Bau- und Planungstreffen, die der Verband veranstaltet. Hier werden Themen wie Städtebauförderung, Dorferneuerung oder das regionale Einzelhandelskonzept erörtert. Nicht zuletzt geht es auch um den Schutz der Umwelt. Aktuell ist zum Beispiel das Gebiet südlich des Lohfeldes als Vorranggebiet für Natur und Klima ausgewiesen. Bruchköbel muss also gute Argumente bringen, wenn hier weitere Gewerbegebäude entstehen sollen. Es wäre also, da liegt der Antrag der Grünen sicherlich richtig, ein langer Atem bei den Verhandlungen nötig.

Und es würde dann wohl auch ein weiteres Thema zur Sprache kommen: Nämlich die Wohnraumbeschaffung. Neuerdings widmet sich der Planungsverband diesem Thema intensiv. Mit dem Zuzug von neuen Firmen in einer Stadt steigt dort auch der Bedarf an Wohnraum. Weit über 1.000, wohl bald auch über 2.000 neue Beschäftigte auf dem Fliegerhorst (plus deren Familien), sowie hunderte neue Beschäftigte auf dem heutigen und vielleicht erweiterten„Lohfeld“: Schon heute entsteht dadurch ein Siedlungsdruck, dem der Wohnungsbau Rechnung tragen muss.

Erschwinglicher Wohnraum gesucht

Kommentar von Jürgen Dick

Forderungen aus der Bruchköbeler Politik nach mehr Gewerbegebiet gab es schon öfter. Die Erfolgsgeschichte des Fliegerhorsts, die Erweiterung des Gewerbegebietes vor dem Viadukt, sie sind Erfolgsgeschichten. Allerdings rückt auch in den Fokus, dass sich die Stadt Bruchköbel viel zu wenig um die Schaffung von neuem, preiswertem Wohnraum kümmert. Denn mit den Firmen, die sich ansiedeln, kommen auch Menschen. Die suchen sich natürlich Wohnungen - zum Beispiel in Bruchköbel. Das Schneckentempo bei der Erschließung neuer Baugebiete für Einfamilienhäuser, das Bruchköbel in den letzten Jahren vorlegte, hält mit dieser Entwicklung nicht mit. Auch kann sich nicht jeder sogleich ein Einfamilienhaus leisten. Doch schon zur Jahrtausendwende wurde in Bruchköbel der soziale Wohnungsbau über die Baugenossenschaft eingestellt. Es wird Zeit, dieses Thema neu zu beleben. Zumindest der Bruchköbeler SPD muss man fairerweise zugute halten, dass sie inzwischen das Gespräch mit der Baugenossenschaft gesucht hat. Jedoch ist bei den anderen Parteien nicht so recht der Wille erkennbar, hier wieder etwas Grundlegendes in Gang zu bringen. Mehr noch: Man hat gar nicht den Eindruck, dass der Zusammenhang „Neue Arbeitsplätze-Wohnraumbedarf“ dort überhaupt erkannt ist. Man fordert treuherzig das nächste Gewerbegebiet vom Bürgermeister, denkt aber offenbar nicht an die Folgen für die Menschen - in der Form deutlich gestiegener Mieten und Wohnraummangels. Eine politische Diskussion darüber vermisst man bislang, sie wäre bitter nötig. Und ein Konzept für die zeitnahe Schaffung von Wohnraum wäre sicherlich auch zukünftigen Verhandlungen mit dem Planungsverband um neue Gewerbegebiete zuträglich.