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Wie Bruchköbel attraktiv bleibt - Von Jürgen Dick

(Bruchköbel/jgd) – Bürger verwandeln „Nicht-Orte“ in „Orte“, die man gerne besucht: Das ist, glaubt man dem Wiener Zukunftsforscher Andreas Reiter, einer der Trends, die schon in naher Zukunft zur Umgestaltung ganzer Städte führen werden. Den tieferen Zusammenhang hinter dieser These erläuterte der Zukunftsexperte in einem Impulsvortrag, den er am Freitag vor Gästen des Bruchköbeler Marketing- und Gewerbevereins (MGV) hielt. Die Veranstaltung fand in der rustikalen „Tenne“ des Kinzigheimer Hofes statt.

Gekommen waren zahlreiche Vereinsmitglieder, darunter Gewerbetreibende, Politiker und Funktionsträger der Stadt. Im Anschluss an den Vortrag diskutierten dann neben dem Referenten u.a. das MGV-Vorstandsmitglied Volker Meyer, der Vorsitzende des Bad Vilbeler Stadtmarketing-Vereins Kurt Liebermeister, und Andrea Weber als Geschäftsführerin der Stadtmarketing AG mit Moderator Reiner Ochs das Thema auf dem Podium.

Was wird werden mit unseren Städten, wohin geht die Reise, angesichts der immer tiefer das Alltagsleben durchdringenden Digitalisierung, der Umorientierung der Kundenströme hin zu „Amazon“ & Co., der Angst vor leerer werdenden Stadtzentren – während sich das Publikum seine Waren und Dienstleistungen lieber ins Haus liefern lässt, nicht mehr so oft den Weg ins Stadtinnere sucht? Werden unsere Zentren sozial veröden? Werden sie zu reinen Wohnquartieren, bleiben am Ende nur noch Ladenleerstände zurück? Solche Befürchtungen grassieren schon seit längerem. Sie waren bekanntlich den Bruchköbeler Parteien und der Verwaltungsspitze ein wichtiger Antrieb, den hiesigen Umbau der Innenstadt in Gang zu setzen.

WLAN für alle ist Pflicht
Referent Andreas Reiter bot gegenüber solchen Befürchtungen einige optimistische, wegweisende Antworten auf: Ja, es stimme, die Städte werden ihr Antlitz, ihre Innenräume verändern, und das tun sie heute schon. Und, nein, der Weg in die Digitalisierung sei nicht aufzuhalten, und deshalb müssten Städte ihn produktiv nutzen. Kostenfreies WLAN zum Beispiel werde in Städten bald der Standard sein, so Reiter. Insoweit dürfte Bruchköbel mit seiner kürzlich in Gang gesetzten Aktion „Digitale Dorflinde“ schon mal auf dem richtigen Weg sein. Aber es müsse mehr unternommen werden, denn der Wandel kommt auf großem Fuß daher. Der Referent brannte nun seinem Vortrag ein regelrechtes Feuerwerk an Marketing-Schlagworten ab: Der „Point of Sale“ etwa, also der Ort, wo man früher einfach etwas gekauft hat, er werde sich in einen „Point of Emotion“, also eine Art Gefühls-Erlebnisraum verwandeln. In der Stadt der Zukunft wollen Bürger nämlich nicht mehr bloß Tomaten, eine Krawatte oder die Zeitung kaufen, sondern sie wollen in der Stadt etwas erleben. Es muss permanente Anreize geben, damit Bürgerin und Bürger sich in Zukunft noch hinter dem Smartphone hervorlocken lassen, sich freiwillig in ihre Innenstadt begeben. „Rituale des Besonderen“ werde man dann dort erleben können, und ebenso die „physische Resonanz“ der Lifestyle-Produkte, welche man im TV oder Smartphone zwar bestaunen, aber eben nur in einem echten, stylischen Laden direkt anfassen kann. Läden, Ladenketten und Restaurants praktizieren dann bereits eine „Embedded Neighborhood“ (Reiter), zu deutsch eine „Eingebettete Nachbarschaft“ - will heißen, sie passen sich quasi in die Quartiere ein, wie Nachbarn, die immer schon da waren. „Ikea“ etwa praktiziere neuerdings derartige Pilotprojekte in Innenstädten – diese Kaufhauskette inszeniert ja übrigens schon lange eine Art Freundschaftsverhältnis zu ihren Kunden.
Kleine Fluchten
Auch gelte es, in Zukunft die „kleinen Lebenswelten“ in den Städten wieder neu zu gründen – womit wir bei den anfangs erwähnten „Orten“ sind, die niemand besucht hat, so lange sich niemand um sie kümmerte. Solche Orte waren vor ihrer Wiederbelebung „Nicht-Orte“, die man zwar durchquerte, aber nicht beachtete, im Grunde nicht kannte, wie etwa den Krebsbachabschnitt hinter dem Bruchköbeler Parkhaus. Kommen aber Bürger plötzlich auf die Idee, dort Bänke hinzustellen und Anpflanzungen vorzunehmen, oder gar wie  -im Innenstadtplan vorgesehen-  „Kaskaden“ zum Hinsetzen zu installieren, dann werden aus den „Nicht-Orten“ plötzlich wieder „Orte“, die man gerne aufsucht. Auf solche Ideen wiederum kommen vornehmlich junge Kreative und junge Qualifizierte – und solche Menschen entscheiden ja überhaupt, da ist sich Referent Reiter sicher, über die Zukunft einer Stadt. Also geht der Wettbewerb nicht zuletzt auch darum, genau solche Menschen in die Stadt zu holen, sie zu binden, und ihnen etwas zu bieten.

Das Leben wird aufregend
In der Stadt der Zukunft werde die fröhliche Koexistenz von Arbeit, Freizeit, Mann, Frau, Alt, Jung, Groß und Klein demnach im Rahmen eines modernen, urbanen Lebensstils möglich. Es gehe um eine neue Balance von Spannung und Entspannung, Bewegen und Verweilen im städtischen Raum. Der nicht unerhebliche Nebeneffekt für die Stadt selbst: Wer hierher kommt und bleibt, gibt hier auch sein Geld aus, nimmt die lokalen Angebote an - schafft und bewahrt insoweit die Lebensgrundlage einer lebendigen Stadt, lebendiger Plätze. Alle schönen, vielbesuchten Stadtzentren haben so einen Platz, wo es um Anwesenheit, Sehen und Gesehenwerden geht. Hier gibt es die Cafés und Terassen, wo man sich verabredet und einander trifft. Bruchköbel, da waren sich am Ende Referent wie auch Diskussionsteilnehmer einig, sei daher mit den Erneuerungsplänen für seine Innenstadt auf dem richtigen Weg.